Das Ende des Heilpraktikerberufs wie wir ihn kennen ???

Der „Münsteraner Kreis“ fordert in einem aktuellen Memorandum (Münsteraner Memorandum) die Abschaffung des Berufs „Heilpraktiker“ bzw. eine so weitgehende Modifikation des Berufsrechts, dass diese einer Abschaffung im Ergebnis gleichkäme. Im Unterschied zu bisherigen Forderungen aus der Ärzteschaft geht dieser Vorschlag weit über den Wunsch nach einer staatlichen Regulierung der Heilpraktikerausbildung oder der Untersagung einzelner Verfahren (Krebsbehandlungen, Infusionen) hinaus. Das Dokument ist unter folgender Adresse abrufbar: https://www.aerzteblatt.de/down.asp?id=19264

Münsteraner Memorandum

Die zentrale Forderung  lautet im Wortlaut:

 „Wir empfehlen entweder die gänzliche Abschaffung des Heilpraktikerberufs oder dessen Ablösung durch die Einführung spezialisierter „Fach­Heilpraktiker“ als Zusatzqualifikation für bestehende Gesundheitsfachberufe. Für die Übergangsphase empfehlen wir eine gesetzliche Beschränkung des Heilpraktikerwesens auf weitgehend gefahrlose Tätigkeiten.“

Als Vorbild für die Abschaffungslösung soll dabei die Neustrukturierung der Zahnheilkunde dienen. In deren Rahmen wurde in den 1950er Jahren der Ausbildungsberuf „Dentist” abgeschafft und ein Zahnärztemonopol errichtet.

Wichtig: Die alternativ vorgeschlagenen „Fach-Heilpraktiker“ sind eine semantische „Mogelpackung“. Denn diese Fach-Heilpraktiker haben keinerlei Gemeinsamkeiten mit dem traditionellen, naturheilkundlich tätigen Heilpraktiker wie wir ihn bislang kennen.

Vielmehr beschränkt sich diese sogenannte „Kompetenzlösung“ darauf, Angehörige eines staatlich regulierten Ausbildungsberufs im Gesundheitssektor mit zusätzlichen Befugnisse in ihrem Fachgebiet auszustatten. Dies betrifft ausschließlich Gesundheitsfachberufe wie Ergotherapeuten, Gesundheits­ und Krankenpfleger, Logopäden oder Physiotherapeuten. Bezugspunkt ist hier eine wissenschaftsorientierte Ausbildung nebst staatlicher Prüfung. Eine naturheilkundliche Tätigkeit steht hier nicht im Fokus.

Das Memorandum spricht berechtigterweise einzelne Probleme des aktuellen Heilpraktikerrechts an. In seinen Forderungen ist es indes kaum nachzuvollziehen und geht weit über das Gebotene hinaus. An dieser Stelle soll keine vertiefte juristische Bewertung des Memorandums erfolgen. Folgende Anmerkungen sind jedoch relevant.

Das Memorandum verkennt insbesondere folgenden Punkt: Die Einleitungsthese stellt auf die Tätigkeiten eines (!) Heilpraktikers in Brüggen-Bracht ab. Dieser hat eine äußerst umstrittene Krebstherapie durchgeführt. Von diesem Einzelfall wird sodann ein genereller Rückschluss auf die vermeintlichen Risken gezogen, die von „sämtlichen“ Heilpraktikern ausgehen. Hierbei wird jedoch übersehen, dass der weit überwiegende Teil der Heilpraktiker solche Personen behandelt, denen die Schulmedizin nicht helfen konnte, wie z.B. chronisch Kranke. Hier stellt sich die Frage, wer nach einer Abschaffung des Heilpraktikers den Wunsch dieser Patienten nach naturheilkundlichen Behandlungen erfüllen soll. Es droht eine Abwanderung in den Bereich des Illegalen. Zudem werden zwar Risiken in den Raum gestellt, diese werden jedoch nicht durch empirische Nachweise belegt. Oft wird kritisiert, dass naturheilkundliche Maßnahmen wirkungslos seien. Es fragt sich deshalb, wie diese Maßnahmen den Patienten gefährden können.

Krebsbehandlungen können mit Fug und Recht kritisch betrachtet werden. Hieraus könnte sich jedoch allenfalls die Forderung rechtfertigen, diese Therapieform zu untersagen. Eine weiterreichende Forderung würde als unangemessene Kollektivstrafe auch die überwiegende Mehrheit der Heilpraktiker erfassen, die sich deutlich von dieser Praktik distanziert und auf anderen Gebieten tätig ist.

Eine Abschaffung des Heilpraktikerberufs steht zudem in einem Spannungsverhältnis zur verfassungsrechtlich garantierten Berufsfreiheit. Aufgrund der anderen Sachlage vermag der Vergleich zum Dentistenberuf ebenfalls nicht zu überzeugen. Es sprechen gute juristische Argumente dafür, dass Art. 12 Grundgesetz dem Heilpraktiker einen umfassenden Bestandsschutz zusichert. Dies gilt zumindest so lange, wie keine empirischen Erkenntnisse darüber vorliegen, dass dieser Beruf das Patientenwohl konkret gefährdet. Solche Erkenntnisse liegen aktuell nicht vor; die stets von den Kritikern ins Felde geführten vermeintlichen Fehlbehandlungen sind – deutlich erkennbar – Einzelfälle.

Trotz dieser argumentativen Mängel des Memorandums sollte es sehr ernst genommen werden. Es wurde auf Initiative von Frau Bettina Schöne-Seifert, Professorin für Medizinethik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU), von einer 17-köpfigen Expertengruppe (dem „Münsteraner Kreis“) verfasst. Über das Memorandum wurde zudem im Deutschen Ärzteblatt berichtet. Weitere Infos hierzu unter: https://www.uni-muenster.de/news/view.php?cmdid=9051

und https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/igel/article/941400/muensteraner-kreis-weg-heilpraktikerberuf.html

Es besteht demnach die akute Gefahr, dass die Forderungen Gegenstand der aktuellen politischen Diskussion werden. Sofern dies in unreflektierter Form erfolgt, kann dies zu einer Existenzbedrohung für den Heilpraktiker heranwachsen.

Ich möchte mir abschließend folgende Anmerkung erlauben: Gern werden die Berufsverbände für ihre berufspolitische Untätigkeit kritisiert. In dieser Thematik wurde ich jedoch bereits vor mehreren Monaten von drei renommierten Berufsverbänden damit beauftragt, die aktuelle Rechtslage umfassend zu bewerten. Die Heilpraktikerschaft befindet sich deshalb in der Lage, die erforderlichen berufspolitischen Maßnahmen zeitnah zu ergreifen. Zudem ist die Verteidigung des Heilpraktikerwesens äußerst erfolgsversprechend – dies gilt sowohl in politischer als auch in rechtlicher Hinsicht.

Über die rechtlichen Gegebenheiten des Heilpraktikerrechts können Sie sich in meinem Gutachten informieren. Dieses ist hier abrufbar.

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