Das Münsteraner Memorandum – Deshalb irrt der Münsteraner Kreis

Stellungnahme zum Münsteraner Memorandum des Münsteraner Kreises

Der Münsteraner Kreis hat in seinem Münsteraner Memorandum den Heilpraktikerberuf in Frage gestellt. Das Memorandum betrifft die gesamte Heilpraktikerschaft und erfährt größte mediale Aufmerksamkeit. Mein Bestreben ist es, auch eine „ideologische“ Diskussion zu vermeiden und objektiv zu informieren.

Die meisten meiner Mandanten sehen in Naturheilkunde und Schulmedizin keine Gegensätze. Aus meiner täglichen Beratungspraxis als Rechtsanwalt habe ich den Eindruck gewonnen, dass Heilpraktiker und Ärzte sich oftmals kooperativ ergänzen – jeder setzt hierbei den Schwerpunkt auf seine spezifische Behandlungskompetenz . Auch wenn das ärztliche Berufsrecht enge Grenzen zieht.

In der täglichen Diskussion übersieht man leicht: Das Deutsche Gesundheitswesen ist weltweit beinahe einzigartig: Jeder Bürger hat kostenfreien Zugang zu der erforderlichen medizinischen Versorgung! Dies sichert einen maximalen Schutz der Gesundheit des Einzelnen und der Bevölkerung. Dieser Versorgungsauftrag wird vorrangig von Ärzten mit evidenzbasierten Mitteln der Schulmedizin ausgeführt. Zwar mag es auch hier noch Verbesserungsbedarf geben (z.B. Zeitmangel bei der Behandlung, bessere Kommunikation mit Patienten), insgesamt funktioniert dieses System jedoch und wird weltweit beneidet. Eine qualifizierte Ärzteschaft ist somit das Fundament der Gesundheitsversorgung. Dies bestreitet nach meiner Erfahrung kein Heilpraktiker. Heilpraktiker sehen sich grundsätzlich nicht als Mini-Ärzte, die in Konkurrenz zur Ärzteschaft stehen, sondern als deren Ergänzung.

Warum sind Heilpraktiker erforderlich? Teilweise können Ärzte ihren Patienten mit schulmedizinischen Mitteln nicht weiterhelfen. Dies gilt beispielsweise für chronisch kranke Patienten oder austherapierte Patienten. Weitere Patienten haben starke Vorbehalte gegen die Schulmedizin und sehen die Pharmaindustrie kritisch. Sie wünschen sich eine naturheilkundliche Behandlung. Diese Personen fallen durch das Raster der Basis-Gesundheitsversorgung.

Hier setzt der Versorgungsauftrag des Heilpraktikers an. Er kann die Bedürfnisse dieser Patientengruppe aufgreifen und mit seinen Mitteln kompetent behandeln. Naturheilkunde basiert auf Erfahrungswissen, nicht auf wissenschaftlicher Evidenz. Dies ist dem mündigen Patienten bewusst. Die Alternative wäre, dass dieser Personenkreis entweder jede medizinische Behandlung verweigern würde oder sich in die Hände von Scharlatanen oder Kurpfuschern begeben müsste. Der Patient würde allein gelassen. Zudem sichern Heilpraktiker den Patienten ab; sofern ärztliche Hilfe erforderlich ist, weisen sie den Patienten hierauf hin.

Ein Blick in die Geschichte hilft meist, um aktuelle Ereignisse besser zu verstehen. So auch hier: Das Heilpraktikergesetz sollte unter anderem verhindern, dass naturheilkundliche Therapieverfahren in den Bereich des Illegalen verlagert werden. In der Vergangenheit bestand bereits ein Ärztemonopol; jedoch musste der Gesetzgeber feststellen, dass dies den Bedürfnissen der Bevölkerung nicht gerecht wurde und die Einhaltung nicht kontrollierbar war. Diesen Hintergrund sollte man sich bei jeder aktuellen Forderung nach einer Abschaffung der Heilpraktikerschaft bewusstmachen. Auch für die Ärzteschaft wäre eine Abschaffung der Heilpraktiker nur ein Pyrrhussieg. Denn in diesem Fall müssten naturheilkundliche Verfahren von Ärzten übernommen werden – eine mit dem ärztlichen Fachstandard kaum vereinbare Vorstellung. Zudem würde dies den Wildwuchs von unseriösen Kurpfuschern fördern, die keinerlei staatlicher Aufsicht und Kontrolle unterlägen.

In sämtlichen Lebensbereichen wird die Autonomie und Selbstbestimmung des Einzelnen betont. Dies sollte auch im Gesundheitswesen gelten. Der mündige und umfassend aufgeklärte Patient sollte eine Entscheidungsmöglichkeit haben, die seine individuellen Bedürfnisse aufgreift. Die naturheilkundlichen Verfahren des Heilpraktikers ermöglichen es dem Patienten, „Herr seiner Entscheidungen“ zu bleiben.

Das Berufsrecht des Heilpraktikers sollte – wie bei allen Berufen – weiterentwickelt und aktuellen Gegebenheiten angepasst werden. Ansatzpunkt kann insbesondere der Bereich der Weiterbildung sein. Auch Punkte wie eine praktische Berufserfahrung vor Erlaubniserteilung erscheinen diskussionswürdig.

Das Heilpraktikerrecht ist bislang rechtlich kaum durchdrungen. Vielen Stellungnahmen und Forderungen merkt man diese rechtlichen Unsicherheiten oder rechtliche Unkenntnis an. Als Grundlage einer sachlichen Diskussion soll das hier abrufbare Gutachten zum Heilpraktikerrecht dienen. In diesem werden die wesentlichen Modalitäten des Berufsrechts des Heilpraktikers kompakt skizziert. Es verdeutlicht insbesondere, dass auch der Beruf des Heilpraktikers in weiten Bereichen bereits „verrechtlicht“ wurde und normativen Bedingungen unterliegt.

Es gilt das Berufsrecht des Heilpraktikers weiter zu optimieren. Eine Abschaffung des Heilpraktikerberufs wäre jedoch für alle Beteiligten kontraproduktiv. Sie wäre zudem verfassungsrechtlich kaum realisierbar.