Darf ich als Heilpraktiker Fernbehandlungen durchführen?

Fernbehandlungen sind Heilpraktikern grundsätzlich erlaubt. Ein entsprechendes gesetzliches Tätigkeitsverbot galt in der Vergangenheit ausschließlich für Ärzte. Jedoch ist selbst hier die Rechtslage mittlerweile liberaler. Für Ärzte gilt aktuell kein absolutes Verbot der Fernbehandlung mehr. So lautet § 7 Absatz 4 der (Muster-)Berufsordnung der Ärzte:

„Ärztinnen und Ärzte beraten und behandeln Patientinnen und Patienten im persönlichen Kontakt. Sie können dabei Kommunikationsmedien unterstützend einsetzen. Eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien ist im Einzelfall erlaubt, wenn dies ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Beratung, Behandlung sowie Dokumentation gewahrt wird und die Patientin oder der Patient auch über die Besonderheiten der ausschließlichen Beratung und Behandlung über Kommunikationsmedien aufgeklärt wird.“

Der Begriff „Kommunikationsmedien“ erfasst alle Kommunikationsmittel, die zur Anbahnung oder zum Abschluss eines Vertrags eingesetzt werden können, ohne dass die Vertragsparteien gleichzeitig körperlich anwesend sind: Briefe, Kataloge, Telefonanrufe, Telekopien, E-Mails, SMS/MMS sowie Rundfunk und Telemedien.

Eine ausschließliche Fernbehandlung kann im Einzelfall sogar geboten sein. So können Therapeuten in dringenden (Not-)Fällen dem Patienten erste telefonische Ratschläge erteilen. Dies gilt etwa bei Unfällen oder anderen spontanen Unglücksfällen, welche dem Heilpraktiker telefonisch mitgeteilt werden. Auch bei akuten seelischen Notlagen kann eine psychotherapeutische Erst-Behandlung aus der Ferne erfolgen, sofern andernfalls schwerwiegende Nachteile für den Patienten drohen. (z.B. Patient ruft an und schildert seine aktuelle Suizidabsicht).

Heilpraktiker haben jedoch stets ihre zivilrechtlichen Sorgfaltsanforderungen bei der Berufsausübung zu erfüllen. Sie sind zivilrechtlich verpflichtet, den zum Zeitpunkt der Behandlung bestehenden allgemein anerkannten Fachstandard nach § 630a Abs.2 BGB einzuhalten. Dies bezieht sich sowohl auf die Aufnahme der Online-Therapie als auch auf deren anschließende Durchführung.

Ob eine ausschließliche Fernbehandlung mit der medizinischen Sorgfaltspflicht des Heilpraktikers vereinbar ist, ist bislang nicht abschließend geklärt. Kritisch betrachtet wird insbesondere die Wirksamkeit einzelner Online-Therapien. Es handelt sich um eine Frage des jeweiligen Einzelfalles; jede Fernbehandlung ist individuell zu beurteilen. Maßgeblich ist diesbezüglich eine objektivierende Betrachtung des Falles entsprechend der Sichtweise des Berufsstandes; nicht die individuelle Einschätzung des Therapeuten. Ein durchschnittlicher Heilpraktiker muss auf Basis der ihm normalerweise zur Verfügung stehenden Kenntnisse und Fähigkeiten zu dem Entschluss kommen, dass ein physischer Patienten-Kontakt nicht erforderlich ist. Der Behandler hat bei dieser Entscheidung mögliche sensorische Nachteile der Fernbehandlung zu berücksichtigen.

Nach dem Sorgfaltspflichtenurteil des Bundesgerichtshofs sind an Heilpraktiker die gleichen Sorgfaltspflichten zu stellen sind wie an einen Allgemeinmediziner. Um die Fernbehandlung medizinisch und rechtlich abzusichern, kann sich der Therapeut deshalb an den ärztlichen Vorgaben orientieren. Hierdurch erfüllt er „erst recht“ diejenigen Anforderungen, die an einen Heilpraktiker zu stellen sind. Der Heilpraktiker sollte seine Patienten deshalb grundsätzlich im persönlichen Kontakt behandeln. Er kann jedoch Kommunikationsmedien unterstützend einsetzen. Eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien kann erfolgen, wenn dies medizinisch vertretbar ist und die erforderliche heilpraktische Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Beratung, Behandlung sowie Dokumentation gewahrt wird und der Patient auch über die Besonderheiten der ausschließlichen Beratung und Behandlung über Kommunikationsmedien aufgeklärt wird.

Da sich die technischen Möglichkeiten einer Online-Befunderhebung rasant weiterentwickeln, erscheint eine solche Behandlung in Form einer Videosprechstunde zunehmend medizinisch vertretbar(er). Anders als bei telefonischen oder schriftlichen Fernbehandlungen bietet eine Videosprechstunde grundsätzlich die Möglichkeit zu einer umfassenden Diagnose, sofern keine körperlichen Untersuchungen erforderlich sind. Sofern eine physische Diagnose, wie z.B. das Messen des Blutdrucks erforderlich sind, ist eine Fernbehandlung jedoch problematisch. Hier kann erwogen werden, ob der Patient in der Lage ist, diese Maßnahmen selbst durchzuführen. Stehen seelische Probleme im Vordergrund dürften Video-Sprechstunden in der Regel möglich sein. Heilpraktiker müssen hier jeweils eine vertretbare Therapieentscheidung treffen.

Neben der Frage, ob eine Fernbehandlung zulässig ist, muss der Heilpraktiker die technische Durchführung sichern und den Ablauf kontrollieren. Sobald der Therapeut technische Probleme oder tatsächliche Kommunikationsprobleme erkennt, muss er die Fernbehandlung abbrechen. Sind die Probleme genereller Natur, muss die Fernbehandlung abgebrochen und vor Ort fortgeführt werden. Die Sorgfaltspflicht bezieht sich auch auf das Vorhandensein und die Funktionstüchtigkeit der erforderlichen Hard- und Software. Diese müssen zur Durchführung einer Fernbehandlung geeignet sein. Zudem müssen Therapeut und Nutzer über eine hinreichende Qualifikation zur Nutzung verfügen.

Bei Verstößen drohen zivilrechtliche Sanktionen, wie z.B. Schadensersatz oder Schmerzensgeld. Zudem muss ein Heilpraktiker aus berufsrechtlicher Sicht „zuverlässig“ sein; d.h. er muss die berufsrechtlichen Vorgaben kennen und einhalten. Er darf seine Patienten auch durch eine Fernbehandlung nicht gefährden. Das Handeln des Heilpraktikers muss auch bei der Durchführung der Fernbehandlung mit der medizinischen Sorgfaltspflicht vereinbar sein.

Kann eine vom Patienten ausdrücklich gewünschte Fernbehandlung nicht unter Wahrung des erforderlichen Fachstandards durchgeführt werden kann, kann an die Möglichkeit einer abweichenden Vereinbarung nach § 630a Abs. 2 BGB gedacht werde. Aufgrund der rechtlichen Probleme in diesem Zusammenhang rate ich hiervon jedoch grundsätzlich ab.

Ist die Durchführung medizinisch vertretbar und sind die organisatorischen Voraussetzungen gegeben sind die Aufklärungspflichten zu beachten. Auch bei einer Fernbehandlung muss der Heilpraktiker sämtliche Informationspflichten erfüllen und den Patienten ordnungsgemäß aufklären. Die Aufklärung muss auch die (medizinischen und technischen) Besonderheiten der Fernbehandlung umfassen. Diese können z.B. in einem größeren Mitwirkungsbedarf des Patienten bestehen. Dem Patienten muss erläutert werden, dass eine rein telemedizinische Diagnostik geringere Möglichkeiten bietet als die unmittelbare Wahrnehmung in der Praxis. Der Patient muss auf die Alternative einer (einmaligen) Behandlung in der Praxis hingewiesen werden.

Die Aufklärung hat mündlich zu erfolgen und kann grundsätzlich auch fernmündlich erteilt werden. Anders kann dies jedoch bei sehr komplexen Aufklärungen liegen. Der Therapeut muss deshalb abwägen, ob eine Fernaufklärung angemessen ist. Wichtig: Eine schriftliche Aufklärung per E-Mail oder Chat reicht nicht aus; diese kann nur unterstützend und zu Beweiszwecken erfolgen.

Die Aufklärung des Patienten ist zudem dokumentationspflichtig. Es gelten dieselben Grundsätze wie bei einer Behandlung in der Praxis. Auch die medizinische Vertretbarkeit der Fernbehandlung ist festzuhalten. Es sind die Gründe zu dokumentieren, weshalb eine Fernbehandlung erfolgte.

Ursprünglich hat sich das Verbot der Fernbehandlung insbesondere auf die Kommunikation über Printmedien bezogen, z.B. Beantwortung von Leseranfragen. Diese Art der Fernbehandlungen sind weiterhin medizinisch kaum vertretbar. Diese Konstellation unterscheidet sich jedoch gravierend von individuellen Videosprechstunden.

Sofern möglich, sollte eine Erstanamnese in Form einer persönlichen Untersuchung erfolgen. Im Anschluss kann sorgfältig abgewogen werden, ob der Einsatz von Fernkommunikationsmitteln die Therapie unterstützen kann.

Ausschließliche Fernbehandlungen sind nur soweit zulässig, wie sie medizinisch vertretbar sind. Fernbehandlungen bieten sich als unterstützende Therapiemaßnahme an; sie ersetzen aber in der Regel nicht die persönliche Behandlung. Es empfiehlt sich, Diagnose und Therapie stets an eine persönliche Wahrnehmung des Patienten zu knüpfen.

Sofern Bestandspatienten aufgrund der aktuellen Situation die Praxis nicht aufsuchen, können Fernbehandlungen eine sinnvolle Ersatzmaßnahme sein. Bei neuen Patienten muss die medizinische Vertretbarkeit intensiv geprüft werden. Es ist anzunehmen, dass sich hier zukünftig konkrete Standards entwickeln werden.